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Kategorie Kultur  

Laudatio von Bundespräsident Horst Köhler auf Gerd Ruge zu seinem 80. Geburtstag am 13. November 2008 in Berlin:

18.11.2008: "Pionier der Auslandsreportage"

"In 80 Jahren um die Welt" unter diesem Titel hat Ihnen das WDR-Fernsehen
anlässlich Ihres Geburtstages eine Gerd-Ruge-Nacht gewidmet, um so eine große
journalistische Karriere zu würdigen.
 
"In 80 Jahren um die Welt", das klingt nach Jules Verne nur langsamer. Dass Sie,
lieber Herr Ruge, ein wenig länger gebraucht haben als die berühmten 80 Tage, das
liegt vor allem daran, dass Sie von ganz anderen Voraussetzungen ausgingen:
Phileas Fogg wollte die Erde möglichst schnell umrunden und dabei zeigen, dass
die Technik die Welt und er die Technik beherrscht. Sie dagegen wollten die Welt
in ihrer Vielgestaltigkeit und Vielschichtigkeit kennenlernen und den Menschen zu
Hause davon berichten. Das setzt Neugier, Urteilsfähigkeit und Sensibilität
voraus und die Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen. Diese
Eigenschaften kennzeichnen Ihr journalistisches Werk ein großes journalistisches
Werk.
 
Ihre Reisereportagen belegen, dass Sie immer noch viel unterwegs sind und darüber
freuen wir uns alle. Ich denke, dieses "Unterwegssein" ist für Sie nicht nur eine
Frage von Orten und Ländern, sondern auch eine Geisteshaltung.
 
Für Sie war und ist es Alltag, uns Zuschauern und Lesern die Welt ein Stück näher
zu bringen. Und das Wort "Alltag" kennzeichnet auch Ihren Arbeitsstil. Sie haben
in Ihren Berichten und Reportagen das Kunststück fertig gebracht, sowohl die
"Großen" als auch die "Kleinen" dieser Welt in den Blick zu nehmen. Offen, mit
echtem Interesse an den Menschen und ihrem Leben zeichnen Sie ein detailscharfes
und manches Mal auch überraschendes Bild von den Ländern, aus denen Sie
berichten. Auch darum genießen Sie das Vertrauen einer breiten Öffentlichkeit.
Und Vertrauen, das ist eine Währung, die schneller verspielt als gewonnen ist.
 
Bei Ihnen hat diese Währung sich immer als wertbeständig erwiesen, weil sie auf
journalistischem Ethos gründet, auf Gradlinigkeit und auf dem Bemühen um
Wahrhaftigkeit. Auch wenn Sie als Mitbegründer der deutschen Sektion von Amnesty
International im Verdacht stehen, gegen das legendäre journalistische Credo von
Hanns-Joachim Friedrichs verstoßen zu haben, wonach ein guter Journalist sich mit
keiner Sache gemein machen dürfe, auch nicht mit einer guten. Sie haben immer
Ihre Unabhängigkeit und Ihren kritischen Blick gewahrt. Vielleicht gerade, weil
Sie so oft so nahe "dran" waren, weil Sie so oft Neuland betreten haben. Und 2001
wurden Sie dann ja doch mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Ihre
Lebensleistung geehrt.
 
Für viele Menschen in Deutschland sind Sie ein bekannter Fernsehmann aus der
ersten Reihe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sie waren aber auch der erste
ständige ARD-Hörfunkkorrespondent in Moskau. Und schon damals galt, dass der
Hörfunk immer noch deshalb schneller ist als das Fernsehen, weil das Fernsehen
Bilder braucht, die es nicht immer gibt.
 
Ein Hörfunkkorrespondent muss gewissermaßen mit seinem gesprochenen Wort die
Bilder mitliefern, die dann vor dem inneren Auge des Zuhörers entstehen. Das ist
eine hohe Kunst und eine gute Schule auch für Fernsehreporter. Ihre
Fernsehberichte, lieber Herr Ruge, zeichnen sich jedenfalls dadurch aus, dass die
Kommentierung immer mehr war als nur eine Wiederholung oder Bekräftigung des
gerade Gesehenen.
 
Sie haben Ihr journalistisches Handwerk noch beim NWDR gelernt. Das war 1948, und
Sie waren grade 20. Und die Chance, als junger Mann selbständig in einem kleinen
Funkhaus zu arbeiten damals hieß das noch Sendestelle , hat den gebürtigen
Hamburger nach Köln verschlagen, in diesen Jahren von einem Medienstandort
heutiger Größe und Bedeutung meilenweit entfernt.
 
Lieber Herr Ruge, Sie waren oft der Erste. Zusammen mit Peter von Zahn waren Sie
ein Pionier der Auslandsreportage im deutschen Fernsehen. Wie vielen anderen sind
auch mir Ihre bewegenden Beiträge nach der Ermordung von Martin Luther King und
Robert Kennedy aus dem Jahre 1968 im Gedächtnis geblieben.
 
Schon Anfang der 50er Jahre waren Sie der erste bundesdeutsche Journalist, der
Jugoslawien besuchte, und 1972 berichteten Sie als erster Westdeutscher aus
China. Ein Jahr später gaben Sie die Stelle als Chefkorrespondent des Deutschen
Fernsehens auf, um für eine Zeitung, die "Welt", nach Peking zu gehen. Ihre
Erlebnisse, Analysen und Gedanken aus dem Reich der Mitte fassten Sie danach in
einem Buch zusammen. Dabei stellten Sie mit vorausschauendem Blick fest, dass
sich China als größtes Land der Welt zum Aufbruch zur Weltmacht rüstet. Das war
vor 30 Jahren. Heute wissen wir, wie zutreffend Ihre Beobachtung war.
 
Ein Seismograph langfristiger Entwicklungen zu sein das kennzeichnet Ihr gesamtes
journalistisches Wirken. Diesen Anspruch kann nur erfüllen, wer sich wirklich auf
den Gegenstand seiner Beobachtung, Beschreibung und Kommentierung einlässt.
Besonders deutlich wird dies mit Blick auf das Land, das Sie am meisten
beschäftigt hat, und dem Sie mit seinen Menschen am nächsten gekommen sind:
Russland. 1956 waren Sie wie könnte es anders sein der erste und einzige
Korrespondent aus Westdeutschland dort. Im selben Jahr trafen Sie Boris
Pasternak, was Sie später einmal als einen der wichtigsten Momente Ihres Lebens
bezeichnet haben. Über ihn und seine Bekannten, die Künstler, Musiker oder
Philosophen waren, lernten Sie ein Russland fernab der politischen und
wirtschaftlichen Machtzentren kennen.
 
Pasternak wurde Ihr Freund, und Ihr erstes Buch ist eine Bildbiografie über
diesen großen russischen Schriftsteller.
 
Vermutlich ist dieser tiefe Blick auf die Mentalität der Menschen dieses großen
Landes der Grund dafür, dass Ihr Name gewissermaßen ein Synonym für die
Berichter-stattung aus und über Russland geworden ist. Das war schon in den 50er
Jahren so, und es gilt besonders für die Zeit seit Ende der 70er Jahre und später
für die Phase von Glasnost und Perestroika. Auch die Menschen in der DDR haben
damals Ihre Berichte aus Russland mit großem Interesse verfolgt; verbanden sie
doch mit dem Aufbruch in der Sowjetunion auch die Hoffnung auf Veränderungen für
sich selbst.
 
Den Putschversuch der alten Garde von Funktionären gegen Gorbatschow haben Sie in
Moskau erlebt. Sie haben auch darüber ein Buch geschrieben. Darin ist ein
Live-Beitrag von Ihnen abgedruckt, in dem Sie das Szenario um die versuchte
Entmachtung Gorbatschows mit der Absetzung von Chruschtschow verglichen. Da war
in einfachen Sätzen Ihre gesamte journalistische Kompetenz, Ihr Wissen um
Geschichte, Mentalitäten und Machtströme, exemplarisch zu spüren.
 
Heute legt manche Fernsehreportage die Vermutung nahe, dass sie mit der eiligen
Feder eines Phileas Fogg geschrieben wurde, der die Welt durcheilte und alles nur
als rasch wechselnde Kulisse erlebte. Sie haben die oft unzureichenden
technischen Bedingungen, mit denen Sie zu Beginn Ihrer Karriere manchmal zu
kämpfen hatten, als einen Vorteil bezeichnet. Denn wo es Stunden dauerte, bis
auch nur eine Telefonleitung zustande kam, da gab es mehr Zeit zum Hinschauen,
Nachdenken, Reflektieren und Überarbeiten. Im Gegensatz zu dem in 80 Tagen um die
Welt sausenden britischen Gentleman konnten Sie in vielen Ländern rund um den
Globus Station machen, Kontakte knüpfen und Freundschaft mit Land und Leuten
schließen. Das ist uns allen zugute gekommen.
 
Ich freue mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Ich wünsche Ihnen und uns
für die Zukunft noch viele Wort- und Bildmeldungen von Gerd Ruge. Ad multos
annos.


Presse- und Informationsamt der
Bundesregierung
E-Mail: InternetPost@bundesregierung.de
Internet: http://www.bundesregierung.de/
Dorotheenstr. 84
D-10117 Berlin
Telefon: 03018 272 - 0
Telefax: 03018 272 - 2555

18.11.2008 / Patrick Kröhl

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